Andersbraut Leseprobe

1. Kapitel

***


DAS FELD UM mich herum sirrte in der sommerlichen Hitze und zog mich dabei immer tiefer in seinen gefährlichen Bann. Müdigkeit breitete sich in meinem Inneren aus. Meine Glieder waren schwer und schienen in den Ähren des Weizens, zwischen denen ich lag, zu versinken. Der Sommer neigte sich dem Ende entgegen, aber selbst das Kommen des Herbstes erleichterte meine Sorgen nicht. 
Der Winter nahte und die Speisekammern waren leer. Uns standen Monate des Hungerns und des Leidens bevor und das machte mir Angst. Um mich herum war keiner der Feldarbeiter mehr zu sehen, sie waren weitergewandert und hatten meine verborgene Gestalt zwischen ihrer baldigen Ernte übersehen. 
Der Wind nahm zu, schenkte mir jedoch keine Abkühlung. Mein Kleid klebte mir von der erfolgreichen Jagd an der Haut und der Hase an meinem Gürtel wog schwerer als gewöhnlich. Nicht weil das erbärmlich schmächtige Tier stark war, nein, vielmehr war mein Geist der Hitze erlegen und mein Körper bereitwillig gefolgt.
Ich zupfte einen der Halme ab und strich damit nachdenklich über meine eigene Wange. Selbst in der Lethargie, die meinen Körper gefangen hielt, waren die Gedanken, die mich umtrieben, nicht einfach vergessen.
Obwohl meine Jagd erfolgreich war, wusste ich, dass das Tier an meinem Gürtel zu früh gestorben war. Es hatte nie Junge bekommen und jetzt würde es keine nächste Generation geben. Das Dorf verlangte immer mehr und unsere Welt hatte nichts Weiteres zu geben. Kein Tier genügte ihnen. Keine Jagd war genug. Ich konnte nicht mehr geben und doch verstummten ihre Klagen nie. Wut brannte in meinem Magen und ich schluckte schwer.
Der Halm auf meiner Wange hinterließ eine kribbelnde Spur. Für einen Moment gab ich mich dem Glauben hin, ich hätte einen Liebsten an meiner Seite liegen. Aber ich war allein. Blutverschmiert auf einem Feld, mit dem Bogen an meiner Seite und der Gewissheit, dass niemand meine Haut je freiwillig berühren würde. 
Ich wusste, dass mein Vater mich für töricht hielt. Für ihn war die Jagd und mein Leben das Einzige, was ihn kümmerte. Er scherte sich nicht darum, was andere von ihm hielten, und Liebe verachtete er. Eine Frau würde er sich nie wieder suchen. Nicht nachdem, was mit meiner Mutter geschehen war.
Rechts von mir raschelte es leise, eine Grille hatte sich dort niedergelassen und stimmte ihren eintönigen Gesang an. Meine Augen wurden durch den kleinen Nachbarn immer schwerer. Die Welt versank vom leuchtenden Blau des Himmels langsam ins Dunkel. Der Grashalm fiel aus meinen Fingern, streifte ein letztes Mal über meine Wange, bevor er auf den Boden fiel und verloren ging.

 

 

***


ICH ERWACHTE DURCH das laute Schlagen der Dorfglocken. Einem Donnerschlag gleichend hallten sie bis zu den dunklen Baumwipfeln hinauf, die unser Dorf einschlossen. Die Nacht, kündigte sich bereits im tiefroten Abendhimmel an und dessen Farben sie langsam verschlang. Die Dunkelheit näherte sich und verschlug mir den Atem, als ich die ersten Sterne hindurchblinzeln sah. Jene grausigen Fratzen, vor denen ich seit meiner Kindheit solch schreckliche Furcht empfand.
Kalte Angst durchfuhr mich, die Schwärze drang in mein Innerstes, sie wusste, dass der Tod in dieser Nacht ganz nah war. Mir entwich ein kehliger Laut, fahrig griff ich nach meinem Bogen und schlang mir den Köcher um die Schulter. 
Wie war mir dieser Fehler passiert? Wieso hatte ich mich der Verlockung des Spätsommers hingegeben? Ich lebte lange genug in diesem Dorf, um es besser zu wissen. Man schlief nicht außerhalb der großen Halle. So starb man in meiner Welt! Wie hatte ich nur so dumm sein können?
Die Hitze war verschwunden, ersetzt von der Kälte, die jede Nacht aus dem Wald gekrochen kam. Der Wind nahm zu, entlockte den dunklen Stämmen des Waldes ein Ächzen, als sich ihre Kronen beugten.
Ich stolperte beim Aufstehen, rappelte mich auf und rannte humpelnd weiter. Die Dorfglocken schlugen erneut. Eine letzte Warnung und sogleich ein verzweifelter Ruf. Sie würden nur noch ein einziges Mal schlagen, bevor sich die Türen der Halle schlossen. Dann gab es keine Sicherheit mehr, keine Unterkunft, die einen vor den Anderslingen schützte. Nur der Tod wartete dann auf einen. Grausam, reißend, ein Festschmaus für die Kreaturen des Waldes. 
Die Panik trieb mich immer mehr an, jagte mich über das Feld hinaus auf den kleinen Schotterweg. Ich sandte ein Gebet an die Götter, flehte um mein eigenes Leben, obwohl ich schon lange nicht mehr an diese Wesen glaubte. 
Das Dorf kam in Sichtweite. Es lag im Dunklen, nur die große Halle in der Mitte leuchtete hell. Ich hatte gerade den schiefen Holzzaun erreicht, der die Felder eingrenzte, da hörte ich einen markerschütternden Schrei. 
Ich hatte schon viele Menschen sterben hören und den grauenvollen Lauten gelauscht, die sie von sich gaben. Das hier war ein anderer Laut. Das war der Ruf eines Lebenden. Eines Mannes, der Hoffnung hatte und die riss mein Herz entzwei, als ich erkannte, was er schrie.
»Tanae!«
Mein Name drang durch mich hindurch wie ein einziger Pfeilschuss. Die Dorfbewohner nannten mich nicht beim Namen, nie, obwohl sie ihn alle kannten. Taumelnd verharrte ich, sah zurück zu dem Mann, der vom Ende des Feldes auf mich zurannte. 
Es war Rohran, einer der Feldarbeiter. Selbst in der Entfernung konnte ich erkennen, dass seine Augen vom blanken Wahnsinn aufgerissen waren, so sehr, dass das Weiß darin hervorstach. Schaudernd stockte ich in meinem Laufschritt. Diesen Ausdruck purer Angst hatte ich nur einmal gesehen, als ich in mein eigenes Antlitz geblickt hatte ... nach dieser einen, verhängnisvollen Nacht. 
Es war das Gesicht eines Menschen, der etwas Verbotenes gesehen hatte. Das Gift der Anderslinge schlängelte sich bereits um seinen Verstand. Ich konnte das grüne Leuchten in seinen Pupillen sehen, jetzt wo er mir so nah war. Rohran war einem Andersling gegenübergestanden, er hatte in die leuchtenden Augen gesehen und er war dem Fluch verfallen.
»Tanae hilf mir!«
Da erst sah ich das Blut an seinem Körper, sah, wie sehr er schwankte. Die Wunden glichen denen der Leichen, die wir jeden Morgen begruben. Die Anderslinge hatten Rohran schon für sich beansprucht. Selbst wenn er es zur Halle schaffen würde – er war dem Tod geweiht. 
Die Älteste bestrafte ohne Gnade, wenn es um den Wald ging. Rohran hatte das oberste und einzige Gesetz, das in unserer grauenvollen Realität voller Tod die Welt zusammenhielt, missachtet.

Geht nicht in den Wald.
Hört nicht auf das Heulen der Verlorenen.
Fürchtet die Schatten der Nacht.
Lasst das Licht niemals erlöschen.

Rohran hatte die Worte vergessen. Nein er war dem Tod nicht geweiht: Er war bereits tot.
Und seine blasse Hand, die sich nach mir ausstreckte, war durchscheinend und fahl, nichts daran wirkte menschlich. Das Leben hatte ihn schon verlassen.
Noch immer verharrte ich regungslos, konnte mich nicht rühren. Ich hatte von klein auf gelernt, nie für jemand anderen mein Leben zu riskieren. Aber Rohran hatte eine Familie und ich kannte das Grauen der Anderslinge, hatte es selbst erlebt. Konnte ich ihn wirklich zurücklassen? Aber ich musste! Ich würde sonst nur mit ihm sterben.
»Tanae sie kommen, du musst sie erschießen. Du musst sie töten.«
Seine Hand bekam mein Kleid zu fassen, schwer brach das Gewicht des Mannes über mir zusammen. Er lief nicht mehr weiter und ich ächzte unter den vielen Pfunden. Dann stürzte er vollends auf mich, selbst seine Knie gaben nach und zerrten uns beide zu Boden. Nur mein blanker Wille hielt mich noch aufrecht. Rohrans Haut war klamm und blutig,was mich unwillkürlich erschaudern ließ, als er sich enger an mich presste. 
Wir konnten nicht warten. Die Nacht brach über uns herein und die Türen der großen Halle würden sich vor unseren Augen schließen. Die Angst flüsterte hektisch in meinen Verstand. Es war wie ein Schreien, das mit einem Mal verstummte, als Rohran die Arme um meinen Hals schlang. 
Er würde mich mit sich in den Tod reißen, wenn wir noch weiter hier verharrten. Ich sah das bärtige Gesicht meines Vaters in meinem Geist, wie die Trauer um meinen Tod in seinen braunen Augen stand. Er würde es nicht überleben, wenn er mich ebenfalls verlor.
Rohran weinte und ich sah nur einen einzigen Ausweg –  das Holz in meinen Händen. Es wurde warm unter meinem Griff, als ich es fester umfasste. Mein Bogen, mit dem ich Vater hatte schwören müssen, nie einen Menschen zu verletzen. Er wusste von der Wut in meinem Inneren, geschürt von den jahrelangen Sticheleien der anderen. Ich hob den Bogen hoch über Rohrans Kopf. Der Hass in meinem Inneren war so tief in mir verborgen, dass er nur selten an die Oberfläche trat. Jetzt triumphierte er darüber, dass ich ihm endlich ein Stück weit nachgab, so sehr hatte ich ihn die ganze Zeit verdrängt.
Das Holz gab ein dumpfes Geräusch von sich, als ich es auf Rohrans Kopf und Nacken herabfahren ließ. Der Mann schrie auf, schaute nach hinten, behielt aber trotzdem seinen Griff. Er presste sich näher an mich, ging dabei noch immer in die Knie, und ich schrie verzweifelt, als seine Fingernägel sich in meine Haut gruben. Der Triumph wich betäubender Angst, es würde nicht reichen. Eisige Kälte verkrampfte meine Finger, obwohl es warm war. Ich konnte nicht erneut zuschlagen. Oder doch? Rohran ließ nicht von mir ab.
»Nein«, schrie er so laut, dass mir die Ohren schmerzten. »Nein du elende Andersbraut!«
Da war sie wieder, die Beleidigung, mit der ich groß geworden war. Rohrans Hände griffen nach meinem Hals, der Wahnsinn jetzt so klar in den braunen Augen, dass es mir den Atem verschlug. Mein Bogen fuhr erneut nieder und diesmal hatte ich mit solcher Wucht zugeschlagen, dass Blut floss. Rohran taumelte und ich schaffte es, meinen Arm zu befreien, und schlug ihm in die ungeschützten Rippen. Endlich brach er zusammen, einen Schmerzensschrei auf den Lippen. Ich taumelte nach hinten frei von der erstickenden Berührung.
Die Glocken erschallten ein drittes und letztes Mal und der Wald toste mit dem Klang der letzten Hoffnung auf.
Einem grausamen Ritual gleichend senkten sich die Baumwipfel, tiefer und tiefer, bis sie den Boden berührten. Ich wusste, was kommen würde. Diese eine Nacht unterm Sternenhimmel rauschte in meinem Kopf, zwang mich in die Vergangenheit, während ich den Laufschritt wieder aufnahm. 
Rohrans Schreie verebbten, seine Flüche prallten an mir ab. Er würde es nicht zur Halle schaffen, ich hatte getan, was im Dorf jeder tun würde. Und trotzdem war mir speiübel und die Welt schien von einem grauen Schleier der Panik verschlungen zu werden. 
Der Hass, der vorher in mir gebrannt hatte, war leise geworden, wartete auf den nächsten Tag, an dem er mich quälen konnte. Ein Mensch würde durch meine Hand sterben. Obwohl ich schon so viele Tiere mit eben jenem Bogen, den ich fest in der Hand hielt, in den Tod gerissen hatte, es war ein anderes Gefühl - schrecklicher in seiner Last.
Ich erreichte die ersten Hütten, als der Wald schrie, und ich mit ihm. Nur schrie er voller Freude und ich aus purer Todesangst. Ein tosender Laut folgte, bei dem Äste und Stämme brachen. Leiser Gesang flüsterte im kehligen Schrei einher, alles, um mich in sein Innerstes zu locken. Es war die Stimme des Fluches, die aus dem Rauschen der Blätter zu hören war. Immernoch schreiend schlug ich mir die Arme über den Kopf, versuchte den Wahnsinn, der Rohran befallen hatte, auszublenden. Ich durfte ihm nicht zum Opfer fallen.
Die Stimme des Fluches verebbte, das Brechen von Geäst ertönte dafür und, obwohl es unglaublich dumm war, wandte ich mich um und sah zum Wald. Die Bäume richteten sich wieder auf und hinter ihnen standen sie, die dunklen Gestalten der Anderslinge, bereit in unser Dorf einzufallen. Ich stolperte, kam auf den Knien auf und rappelte mich wieder auf, während einige Pfeile aus meinem Köcher zu Boden fielen. Nur den Bogen hielt ich weiterhin fest, belügte mich selbst, dass es meine Waffe sein würde. Aber er war nutzlos ohne Pfeile.
»Tanae!«, rief jemand über den Lärm des sich aufrichtenden Waldes hinweg und diesmal war es kein Verzweifelter, es war mein Vater. Breitbeinig stand er in der Tür der großen Halle, schaute leichenblass an mir vorbei, sah das, was mich zu Fall gebracht hatte, und hielt doch die Tür für mich offen. 
Hände versuchten, ihn nach innen zu zerren, aber der alte knausrige Jäger ließ sich nicht erbarmen. Kagae hatte schon einmal seine Tochter verloren geglaubt. Das würde nicht noch einmal geschehen und so rannte ich, beschleunigte meine Schritte noch mehr, bis ich in vollem Lauf in seine breiten Arme sprang und sie sich um mich schlossen.
Gemeinsam stürzten wir in der großen Halle zu Boden. Die Männer, die versucht hatten, Kagae aus der Tür zu zerren, schlugen sie zu und rammten die schweren Holzbalken dahinter in die Halterung. Das Tosen des Waldes wurde ausgesperrt, drang nur ganz leise durch die Holzbretter.
Die Luft in der großen Halle war stickig, vom Feuer, das in der Mitte brannte, erhitzt. An allen Enden tummelten sich kleine Grüppchen der Dorfbewohner, und in der Mitte lagen die Kinder, geschützt von allen anderen. 
Das dunkle Holz, auf dem Vater und ich lagen, roch modrig, eine willkommene Abwechslung. Rauch kringelte sich unter der Decke und verschwand nur zögerlich durch die dafür angefertigten Schlitze. Obwohl es nach Schweiß, Fäkalien und zu vielen Menschen roch, war ich erleichtert, der kühlen Nachtluft entkommen zu sein.
»Tanae«, flüsterte mein Vater und drückte mich noch immer an sich. Es war keine erstickende Umarmung wie die Rohrans, sie war tröstlich. Ich schluckte schwer, die Panik hatte sich noch nicht aus meinem Körper verabschiedet, noch immer war mir schlecht. Obwohl ich Rohrans Tod bedauerte, konnte ich mich nicht dem Gedanken verwehren, der mich jetzt einholte. Es tat weh, dass Rohran mich nur berühren konnte, weil er von den Anderslingen in den Wahnsinn getrieben worden war.
Der Hass kräuselte sich am Rande meines Verstandes, in der Nacht war er stärker, beflügelt vom Wald, der sein Gefolge über unser Dorf herjagte. Die grausigen Gedanken liebten es, mich in Erinnerungen schwelgen zu lassen, die nichts Schönes an sich hatten.
Ich war die Andersbraut, das Kind, geboren als der Fluch begann und von den Wesen mit den leuchtenden Augen berührt. Ich war die einzige, deren Augen keinen warmen Braunton in sich trugen. Meine waren so grün wie der Wald, der unser Dorf bedrohte. Und wenn die Nacht kam, wurden sie heller, bis nichts mehr Menschliches in ihnen übrig blieb, denn die Stunde der Anderslinge hatte geschlagen.
Meine Mutter hatten sie getötet, mich mit ihrem Blut besudelt und lebend in der Krippe zurückgelassen. Sie hatten mich mit einem Makel versehen, der mein Leben schmerzlicher als den Tod machte. Jeder der mir ins Gesicht sah, meinen Blick auf sich fühlte, würde es wissen. Meine Augen waren nicht die eines Menschen, und da konnte meine schmale Gestalt und das unbedeutsame, aschbraune Haar nichts ändern.
Das Dorf hatte mir Gnade erwiesen, mich aufgezogen trotz meines Fluches, auch wenn Hass und Misstrauen mich auf Schritt und Tritt begleiteten. Sie hatten mir einen Namen gegeben, einen der es ihnen einfacher machte, mich nicht als Mensch zu sehen.
Kagae, dessen Kind von dem grauenvollen Tag an als Andersbraut gezeichnet war, hatte man mit Mitleid betrachtet. Würde das reichen, damit man ihn nicht bestrafte für den törichten Versuch, die Halle offen zu halten? Er hätte alle in diesem Raum dem Tode weihen können.
Das Wispern des Waldes wurde lauter, flüsterte heiser Versprechen von Tod und Schmerz. Ich müsste nur die Tür der großen Halle öffnen und er würde mir jeden Wunsch erfüllen. Er kam immer, wenn ich mich an die Geschichte meines Lebens erinnerte. Züngelte am Rand meines Verstandes entlang, um mir zu zeigen, wie ungerecht die Menschen waren. Es waren haltlose Versprechen, die meine Träume heimsuchten, aber sie zwangen mich immer wieder zurück in die Erinnerungen, die ich nicht haben wollte.
Ich löste mich von meinem Vater und setzte mich auf, den Bogen, an dem Rohrans Blut haftete, noch immer in der Hand. Kagae wurde von einem der Männer auf die Schulter geklopft und ich atmete erleichtert aus. Die Älteste kam nicht zu uns, sie kniete am anderen Ende der Halle und sprach leise mit einer weinenden Frau. Rohrans Frau.
Die Übelkeit kehrte wie ein Schlag in meine Magengrube zurück, und ich zitterte, obwohl es in der Halle warm war. Man hatte Vater aufgeholfen und er streckte mir die Hand entgegen. Die gichtgekrümmten Finger in einen schmerzstillenden Verband gehüllt, aus dem braune Salbe triefte. Das bärtige Gesicht war von den dichten, krausen Haaren verdeckt. Ich erahnte ein erleichtertes Lächeln unter seinem Bart, aber auch Angst. Hatte mein Vater in dieser Nacht noch mehr Sorgenfalten bekommen?
»Du hast einen Hasen erlegt«, sprach er sanft und ignorierte die Geschehnisse des Abends vollkommen. Darin waren wir gut, für uns war Ignoranz die einzige Möglichkeit unseren Verstand zu behalten. Er zog das Tier von meinem Gürtel, um es zu betrachten. Ein besonders wortgewandter Mann war er nie gewesen. Er würde nie fragen, was ich draußen gesehen hatte. Mein Vater war der Ansicht, dass jeder mit seinen Ängsten allein klarkommen musste. 
Die Älteste tröstete noch immer Rohrans Frau. Es war jedem klar, dass er nicht zurückkommen würde. Ich erzählte niemanden, was geschehen war. Auch nicht als Vater mich prüfend musterte. Mein Schweigen hüllte uns beide ein. Das Dorf war momentan angespannt. Wir hatten so viele Leben verloren und man wusste nie, wer einem in der Enge der Halle belauschte. Niemand verlangte, von anderen, Leben zu retten, aber ich wollte den Hass gegen mich nicht weiter schüren. 
»Ja«, flüsterte ich und sah zu, wie mein Vater langsam das wenige Fleisch, das ich dem Hasen hatte entnehmen können, betrachtete. »Er ist mager und viel zu jung. Mehr als salzen und für den Winter haltbar machen können wir ihn nicht. Für den Eintopf ist es zu wenig. Aber immerhin gut für unsere Vorräte.«
Ich wusste, dass er log, mehr als ein paar getrocknete Fleischstücke würden wir nicht herausbekommen. Sie würden gerade einmal für die Kinder reichen, um ihre knurrenden Mägen in der Nacht zu stillen. Damit sie vielleicht ein paar Tage mehr lebten.
»Etwas geschieht mit unserer Welt, Tanae«, sagte mein Vater nachdenklich und drehte das Tier vor seinen Augen. »Die Jagdgründe gehen uns aus, das Großwild habe ich seit Monaten nicht gesichtet. Wäre ich ein schlauerer Mann würde ich vielleicht wissen, was die Tiere aufscheucht, so kann ich nur raten und nichts, was ich mir vorstelle, ist gut.«
Flüsternd strich eine Erinnerung über meinen Geist, an die Anfänge meines Jagens, an unbeholfene Schüsse, die wie Blätter durch den Wind schlingerten, und dann, ohne Schaden anzurichten, auf den Boden fielen. Doch meine Jagdziele waren keine Hasen oder anderes Kleintier gewesen. Es waren mächtige Hirsche, flinke Rehböcke, oder ein fettwanstiger Eber, und jetzt war ich froh, wenn ich überhaupt etwas erlegte.
»Was auch immer es ist, es ist nicht gut.«
Mit den letzten eher geflüsterten Worten, die nicht einmal für mich waren, wandte Kagae sich ab, um das Fleisch zu konservieren. Einige hungrige Blicke folgten ihm. Heute köchelte auf dem Herd erneut ein dünner Eintopf aus Wurzeln und niemand schien, davon essen zu wollen, so heiß und stickig war es in der großen Halle. 
Heute Nacht würde ich wieder um jeden Atemzug ringen, eingeklemmt zwischen den anderen Mädchen, die allesamt entweder mit sinnlosem Geflüster versuchten, die Albträume fernzuhalten, oder voller Angst zitterten. Das Spiel wiederholte sich jede Nacht, wenn jemand nicht in die Halle zurückgekehrt war. Trotz all dem Unmut, den ich über unser armseliges Leben empfand, kehrte auch ich jede Nacht in die Halle zurück. Weil es besser war als die Angst und der Schrecken, der uns draußen erwartete. Es bedeutete Leben und nicht den sicheren Tod.
Ich hatte mich gerade niedergelassen, nahe dem Feuer, in der Hoffnung, die Angst aus meinen Gliedern zu vertreiben, da bebte die Tür der großen Halle. Schreie wurden laut und die Männer, die Wache hielten, stemmten sich gegen die Balken.
Die Anderslinge waren mächtig, manchmal zerstörten sie beinahe unsere Abwehr, und dann mussten wir am Morgen den Wettstreit mit der Zeit beginnen, um rechtzeitig zur Dunkelheit die Tür repariert zu haben. Außer ein paar harmlosen Schlägen geschah der Tür nichts weiter, und dann, ganz langsam, sickerte die Erkenntnis in mich.
Das war kein Andersling, es war ein Mensch. Ein Überlebender.
»Rohran! Das ist Rohran!«
Die Stimme seiner Frau war verzerrt, als sie zur Tür stürzte, doch sie wurde aufgehalten von ihrem eigenen Sohn, der sie schon um einen Kopf überragte. Die Schuld in meinem Inneren hatte mein Herz erreicht, fraß sich hindurch bis ins Mark, denn Rohrans Worte hallten durch die Tür. 
»Sie sind hier«, seine Stimme hatte den tiefen Klang verloren, sie war hoch und so voller Todesangst, dass wir alle erschauderten. »Bitte, Marion, lass mich rein. Ich will euch ein letztes Mal sehen, bitte. Sie kommen! Marion! Nein, das könnt ihr nicht tun, MARION!«
Der Name seiner Frau, die schluchzend in den Armen seines Sohnes hing, verebbte in einem Schmerzensschrei. Fauliger Todesgestank drang durch die Ritzen der Tür und die Erde schien unter tausend Hufen zu beben. 
Die Anderslinge waren gekommen.
Maden fielen auf den Boden vor der Hütte, krochen ins Innere und wurden von den Männern zerstampft. Rohrans Schreie waren verstummt, doch in der großen Halle spiegelte sich das Echo der Schreie wieder. Keiner sprach, wir warteten auf das, was unweigerlich geschehen würde. Das Reißen von Fleisch und das Brechen von Knochen erfüllten unsere Ohren. Ich sah auf zu der verhängnisvollen Tür, das bisschen Holz, was uns als Einziges vor diesem Schicksal bewahrte.
Blut sickerte darunter durch, verfärbte das Holz und lief in einem Rinnsal zwischen den tiefen Fugen hinab, zurück ins Erdreich, während die Anderslinge sich am toten Körper Rohrans labten. Das Fest würde erst enden, wenn der Morgen mit sanften Farben und Sonnenschein über uns hereinbrach, und wir würden seine zerfressene Leiche finden und verbrennen.
Die Schreie seiner Frau wurden ruhiger, keiner schenkte ihnen mehr Beachtung. Am Ende war Rohran nur einer von vielen und während das Blut vor meinen Augen langsam trocknete, begann mit einer aufgesetzten Tüchtigkeit der Alltag um mich herum. 
Betten wurden für Kinder gerichtet, die Suppe wurde jetzt bereitwillig gelöffelt und noch bevor der letzte Tropfen Blut nicht mehr feucht und verheißungsvoll schimmerte, hallte über das Gewimmer von Rohrans Frau das erste Gelächter hinweg.